Das Streben nach “Glück”
… und was daran falsch ist. Hier könnt ihr lesen, warum ich nach der Lektüre von “Ich möchte lieber nicht” von Juliane Marie Schreiber in Zukunft nicht mehr nach Glück, sondern lieber nach Zufriedenheit streben möchte.
Mit Büchern und mir ist das so eine Sache. Menschen, die mich kennen wissen von meiner Vorliebe, neue Bücher anzufangen - und sie dann nach dem ersten Drittel beiseite zu legen, um ein anderes zu beginnen. “Ich möchte lieber nicht” ist das erste Buch seit langem, das ich innerhalb einer Woche zu Ende gelesen habe. Vielleicht auch, weil ich nicht mit allem einverstanden war, was die Autorin proklamiert. Das hat mich entspannt, da ich mir nicht so viele Notizen wie sonst machen wollte.
Worum geht’s im Buch?
“Ich möchte lieber nicht” ist eine Abrechnung mit der positiven Psychologie und ihren gesellschaftlichen Folgen. Die Autorin ermutigt die Lesenden, das Positive im Negativen zu sehen und sich verdammt nochmal nicht alles schönreden zu müssen. Manchmal ist das Leben schwierig, und machmal sind Probleme keine Chancen, sondern handfeste Probleme. Dann sei es auch angebracht, das Kind beim Namen zu nennen.
Im Folgenden gehe ich auf meine Top 5 AHA-Momente ein, auf Aussagen, bei denen ich nicht mitgehe und auf mein Resümee des Gelesenen. Hinterlasst gerne eure Gedanken in den Kommentaren oder schreibt mir. Ich freue mich immer, mich über Bücher und die verschiedenen Interpretations-Möglichkeiten des Gelesenen austauschen zu können.
💡Meine Top 5 AHA-Momente
Politische Probleme werden durch die Glückssucher-Gesellschaft auf eine psychische Ebene verlagert. Da Scheitern und Leid durch das New-Age Credo “Ich muss mein Leid nur aus einem anderen Blickwinkel betrachten, dann geht es mir besser” stark individualisiert wird, kann sich die Politik leichter aus der Verantwortung ziehen. Manchmal wird diese Opferbeschuldigung so sehr internalisiert, dass sich Menschen für ihr Leid schämen - gleichzeitig gibt es Tragödien, für die der/die Einzelne definitiv nicht verantwortlich ist. (z.B. Krankheiten, Schicksalsschläge, …) So gerne manche von uns das auch würden, nein, wir können nicht alles kontrollieren.
Ökonomisches wird emotionalisiert: “Du kannst alles schaffen” - heißt es aus dem Baumarkt. Man kauft keine Nägel mehr, man kauft ein Projekt, an dem nicht selten der Selbstwert hängt. Emotionen und Scheitern wiederum werden ökonomisiert. “Du hattest einen Schnupf, was kannst du daraus lernen?” Es wird durchaus der Zwang sichtbar, auch in der größten Krise noch das positive sehen zu müssen. Was bleibt da noch aus der zutiefst menschlichen Erfahrung des Scheiterns? Ich glaube auch, dass eine gewisse Portion schulterzuckendes “Ist halt so” in vielen Momenten heilsamer wäre als das krampfhafte Suchen nach Sinn und Erkenntnis.
“Glück ist ein rauschhafter Zustand, der niemals dauerhaft anhalten kann”. Obendrein wäre es für den Körper höchst schädlich, ständig “auf Glück” zu sein: auf Dauer führt das hohe Euphorie-Level zu Raubbau an Körper und Geist. Mehr Glück ist immer besser? Stimmt eben nicht, und mich hat das Buch zum Nachdenken gebracht, dass ich mit meinem “Streben nach Glück”, dem “Jagen schöner Momente” oft etwas anvisiere, was in der Reinform gar nicht erstrebenswert ist. Es ist ein grundlegender menschlicher Irrtum, extremes Glück anzustreben. Den Spruch “pursuit of happiness” sehe ich jetzt jedenfalls mit anderen Augen.
Glück ≠ Zufriedenheit. Im Gegensatz zum euphorischen Glück ist die Zufriedenheit ein Zustand, der längerfristig aufgebaut und gehalten werden kann. Durch Selbstwirksamkeit z.B. kann man zu einem Gefühl der Zufriedenheit gelangen; einem Gefühl der Autonomie, des “ja, ich kann mein Leben positiv beeinflussen, ich habe es in der Hand.”
Schimpfen tut gut. Ich entdecke in letzter Zeit immer wieder die positive Kraft des Schimpfens und Fluchens. Auch die Autorin meint: vor allem wenn wir nichts ändern können hilft Schimpfen, weil so kurzfristig Energie entladen werden kann. Flugzeugabsturz? FUCK! Zeh angestoßen? FUCK! Danach geht es uns - immerhin kurzfristig - besser.
PS: Beim Schimpfen ist in meinen Augen vor allem das wann, wie und wo wichtig. Ist mein Gegenüber gerade bereit dafür, dass ich mich Auskotze? Früher habe ich manchmal Menschen damit überfordert, indem ich ungefragt angefangen habe mich lautstark über XYZ zu beschweren. Ein kleines Einchecken: “Hey, ich würde mich gerne 5 Minuten mal so richtig über Thema X beschweren. Hast du dafür gerade Kapazitäten?” wirkt Wunder, und ich wünschte ich hätte schon früher damit angefangen.
PPS: In der GFK wird das Schimpfen oft als inofizieller “5. Schritt” des GFK-4-Schritts bezeichnet. Nach der neutralen Beobachtung ist es oft lohnenswert, sich kurz seinen bewertenden, ungefilterten Gedanken zu widmen. Alles darf raus. Wenn wir uns durch das “Rauslassen” etwas abreagiert haben, können wir leichter das Gefühl, Bedürfnis und die Bitte bestimmen.
❌ Das sehe ich anders
“Therapie ist nur etwas für schwer depressive Menschen.” Finde ich nicht. Eine Therapie kann in meinen Augen auch dazu führen, sich selbst und andere besser zu verstehen - und so zu verhindern, überhaupt in eine behandlungswürdige Depression zu rutschen.
“Coaching ist Unfug.” Ebenso wie mit der positiven Psychologie geht die Autorin mit Coaching im Allgemeinen sehr hart ins Gericht. Das finde ich zu einseitig, da Coaching für viele Menschen große Erfolge vorweisen kann. Ich habe z.B. schwierige Momente in meinem Job durch Coaching gut bewältigen können.
“Ein besseres Mindset bringt nichts”. Die Autorin vertritt die These, dass der Kampf von innen nach außen verlagert werden muss. Anstatt am eigenen Mindset zu schrauben und sich soziale Schieflagen schönzureden, sollen die Menschen lieber auf die Straße protestieren gehen. So weit, so gut. Wo ich nicht mehr mitgehen kann, ist ihre Ansicht, dass die Arbeit am Mindset nur dazu führen kann, dass Menschen
🙋♀️ Fun Fact
Um die maximale Hochleistugsgesellschaft zu kreieren wurde v.a. im dritten Reich viel mit Methamphetaminen experimentiert. Ein Ergebnis - neben der Panzerschokolade für die Front - war die “Hildebrandt Pralinen”. Eine Praline hatte 14mg Methamphetamin und sollte den Frauen die Hausarbeit leichter machen. Bald wurden die Nebenwirkungen des künstlichen Highs so deutlich, dass die Pralinen wieder vom Markt genommen wurden.
🎯 Resümee
Ja, es ist schwierig, in der größten Krise noch das positive Sehen zu wollen. Das Leben ist nicht immer leicht, und es gibt Schicksalsschläge, für die niemand etwas kann und bei denen das beste Mindset nur bedingt hilft. Leiden ist ein essenzieller Teil des Lebens.
Gleichzeitig hilft in meinen Augen ein ressourcenorientiertes Mindset genau dabei, beide Seiten zu navigieren. Es reicht nicht, die Augen zu schließen und vermeintlich-glücklich vor sich hin zu brabbeln: „das Leben ist toll, ich bin glücklich.“ Es ist wichtig, die Trauer zu spüren, Wut und Enttäuschung zuzulassen und dann - anstatt in den Emotionen zu verharren - nach vorne zu blicken und sich zu fragen: “will ich daraus nicht vielleicht doch ‘ne Limonade machen?” 🥤
“Ich möchte lieber nicht” hat mich dazu inspiriert, meine persönliche Glücks-Definition zu überdenken. Was will ich vom Leben, und wie komme ich da hin? Ist mein “Streben nach Glück” tatsächlich erstrebenswert? Die Suche nach maximalem Glück ist es - so schmerzhaft die Erkenntnis ist - für mich nicht. Und hier landen wir schlussendlich wieder beim Yoga und dem, was meine Lehrerin mir schon vor längerem gesagt hatte: Yoga schneidet die Spitzen des Erlebens ab, oben und unten. Damals war ich noch nicht bereit für die Erkenntnis, vielleicht bin ich’s ja jetzt. Na gut. 🧘♀️